China-Carbon-Hardtail Aufbauprojekt Teil 1: China-Rahmen

Die Suche nach dem passenden Rahmen war eine Herausforderung. Bestimmte Rahmenbedingungen waren durch mich vorgegeben, welche die Auswahl eingeschränkt haben:

  • 29-Zoll Carbon Hardtail
  • Einigermaßen progressive Rahmengeometrie
  • 12 mm Steckachse
  • BSA Innenlager bevorzugt
  • Sattelstützendurchmesser 31,6 mm
  • Rahmengröße M-L (ca. 19″)
  • Gewicht maximal 1200 g

To Boost or Not To Boost?

Der Boost-Standard wurde speziell für 29″-Fahrräder entwickelt, um die Steifigkeit der größeren Laufräder zu verbessern. Dies erreicht man durch einen breiteren Hinterbau bzw. eine breitere Gabel. Genau gesagt erhöht sich durch Boost die Nabenbreite vorne um 10 mm und hinten um 6 mm. Die Speichen der Laufräder verlaufen dadurch in einem etwas größeren Winkel von der Nabe zur Felge, was das Laufrad steifer macht. Entscheidet man sich für den Boost-Standard beim Rahmen und der Gabel, benötigt man also dazu passende Laufräder, aber auch ein anderes Kettenblatt. Das liegt daran, dass durch die größere Nabenbreite die Zahnkranzkassette etwas weiter nach außen wandert und somit das Kettenblatt ebenfalls 3 mm weiter nach außen gelagert sein muss, um eine optimale Kettenlinie zu erreichen. Dies wird durch eine andere Konstruktion des Kettenblatts erreicht. Die Breite der Kurbel bleibt gleich. Ein Nebeneffekt des Boost-Standards ist, dass durch die weiter außen verlaufende Kettenlinie auch etwas breitere Reifen montiert werden können.

Insgesamt ist der Boost-Standard für mich nicht wirklich relevant. Die erhöhte Steifigkeit spielt ihre Vorteile vor allem beim Downhill-Biken und bei schweren Fahrern aus.

Geometrie

Eine kurze Kettenstrebe sorgt für ein wendiges Fahren, was besonders bei 29er-Bikes ein wichtiges Kriterium sein kann. 26-Zoll-Bikes sind von Natur aus wendiger. Ein Kettenstrebenmaß von 42-44 cm ist bei 29er Bikes ein passender Wert. Eine lange Kettenstrebe sorgt auf der anderen Seite für ein ruhigeres und stabileres Fahrverhalten. Was man am Ende bevorzugt, hängt vom Einssatzzweck und der persönlichen Vorliebe ab.

Der Lenkwinkel spielt eine große Rolle beim Fahrverhalten. Je steiler (also größer) dieser ist, desto nervöser ist das Lenkverhalten und desto weniger ist es zum Bergabfahren geeignet. Bei Hardtails bzw. Cross-Country-Bikes ist dieser meistens etwas steiler, während bei bergaborientierten Bikes der Lenkwinkel flacher ist. Das nervöse Lenkverhalten kann man mit einem längeren Vorbau ausgleichen. Der Gabel-Offset beeinflusst den Lenkwinkel zusätzlich. Durch eine nach vorne gelagerte Nabenaufhängung an der Gabel (Offset) wandert das Vorderrad weiter nach vorne.

Der Reach ist für ein ergonomisches Fahren im Sitzen verantwortlich. Er muss zu den Körperproportionen des Fahrers passen. Beim optimalen Reach ist der Körper weder zu aufrecht, noch zu gestreckt. Sitzt man zu aufrecht (zu geringer Reach), ist das Bergauffahren anstrengender für Arme und Beine, weil man das Gewicht zu weit nach vorne verlagern muss. Umgekehrt ist bei zu geringem Reach das Bergabfahren unsicherer, da der Schwerpunkt zu weit vorne liegt. Durch eine Sattelstütze mit/ohne Offset kann man hier noch Korrekturen vornehmen, damit man sich beim Fahren auf dem Bike wohl fühlt.

Ein steiler Sitzwinkel (71-74°) bringt mehr Traktion und Kraftübertragung beim Bergauffahren, während ein flacher Sitzwinkel (65-68°) den Sattel und den Schwerpunkt weiter nach hinten bringt und somit beim Bergabfahren vorteilhaft ist. Deshalb findet man steile Sitzwinkel typischerweise bei Hardtails und flache Sitzwinkel eher bei Fully-Rahmen, d.h. Enduro- und Downhill-Bikes.

Ich will keine Wissenschaft daraus machen, aber es ist wichtig, sich auf dem Bike wohl zu fühlen. Daher achte ich darauf, dass die wichtigsten Maße einigermaßen zu meinen Körperproportionen und meiner Fahrweise passen.

Plattform und Hersteller

Beim Kauf habe ich mich auf der Plattform AliExpress umgesehen. Dort gibt es eine meist zuverlässige Abwicklung und auch einen halbwegs fairen Umgang mit Gewährleistungsfällen. Zumindest theoretisch und vom Hörensagen. Beim Recherchieren auf AliExpress haben sich folgende Marken herauskristallisiert: BTX, OG-Evkin, Trifox, Schub, Lexon und Airwolf. Es gibt sicher noch andere, aber diese sechs sind bei mir hängengeblieben. Nach Berücksichtigung meiner Rahmenbedingungen sind einige dieser Hersteller herausgefallen. Am Ende habe im Trifox Official Store bestellt.

Ich habe mich für den Rahmen Trifox T800 (Modell 2020) entschieden. Bei einem Preis von 280 EUR (Angebot, versandkostenfrei) kann man nicht viel falsch machen, oder?

Lieferung und Zoll

Die Lieferung aus China kann 6-10 Wochen dauern. Hier braucht man etwas Geduld. Wenn der Artikel in Deutschland angekommen ist, erhält man einen Brief von der Zollbehörde. Denn bei Importen aus Nicht-EU-Ländern fallen in der Regel zusätzlich Zollgebühren und Einfuhrumsatzsteuer (EUSt, entspricht der Mehrwertsteuer) abhängig vom Warenwert an. Man muss dann zum Zollamt fahren, um den Artikel abzuholen. Anhand der Rechnung und dem Überweisungsbeleg erbringt man den Nachweis, dass man den Betrag tatsächlich bezahlt hat und muss die entsprechende Gebühr entrichten. Dann bekommt man das Paket ausgehändigt.

Gewährleistung

Für den Fall einer Gewährleistung sollte man unbedingt Fotos vom Zustand des Paketes und von der Verpackung im Paket machen. Diese benötigt man ggf. hinterher für die Beweisführung (ist der Hersteller oder das Versandunternehmen Schuld?). Tritt ein Gewährleistungsfall ein, wird AliExpress erst einmal die Erstattung ablehnen. Man wird dann aufgefordert, Fotos vom Schaden und vom Paket hochzuladen. Danach erhält man oft zunächst ein Vergleichsangebot (Erstattung des halben Kaufpreises). Erst im dritten Schritt (evtl. wird noch ein Videobeweis verlangt) erhält man eine vollständige Erstattung. Vorausgesetzt natürlich, es handelt sich eindeutig um einen durch den Hersteller oder Transport verursachten Schaden.

Ob man sich hundertprozentig darauf verlassen kann, weiß ich nicht. Bei einem Preis von 280 EUR war ich jedoch bereit, dieses Risiko einzugehen. Am Ende muss sich jeder selbst überlegen, ob man in China bestellen will.

Der Rahmen Trifox T800 (2020)

Von der Bestellung bei AliExpress bis zur Lieferung des Carbon-Rahmens vergingen 7 Wochen. Ich erhielt einen Brief vom Zollamt und konnte das Paket unter Vorlage der Rechnung und eines Überweisungsbelegs beim Zollamt Garching abholen. Dies verlief unproblematisch. Die Zollgebühr und die Einführumsatzsteuer beliefen sich auf 61 EUR – ein Betrag, mit dem ich gerechnet hatte.

Der Kaufpreis von 280 EUR ist unglaublich, umso skeptischer war ich in Bezug auf die Qualität. Die Verarbietung macht äußerlich einen stabilen und guten Eindruck. Der Rahmen wirkt sauber und robust. Mit einem Gewicht von 1200 g liegt er nicht im untersten Bereich, aber innerhalb der von mir gesteckten Grenzen. An den Ausfallenden können die Adapter für den Achsstandard (Schnellspanner oder 12 mm Steckachse) gewechselt werden. Leider hat Trifox trotz meiner expliziten Anfoderung den falschen Adapter geliefert. Die Nachlieferung des Steckachsen-Adapters hat nochmal einige Wochen gedauert. Ein Steuersatz war beim Rahmen dabei.

Eine Auffälligkeit beim Rahmen ist ein etwas merkwürdiges Aufsatzstück am Gabelschaft. Mit zwei verschiedenen Aufsatzstücken hat man die Möglichkeit, den Vorbau auf drei verschiedenen Höhen zu montieren. Entweder ohne Aufsatz, mit einem 7 mm starken Adapter, oder mit dem 50-mm-Adapter. Der Adapter wird auf das obere Steuersatzlager aufgesetzt und direkt auf den Adapter wird der Vorbau montiert. Der Adapter schwenkt also mit dem Vorbau mit. Ich habe solch eine Konstruktion noch nie bei einem Mountainbike gesehen, aber funktional scheint es in Ordnung zu sein. Ich bin gespannt, wie sich das in der Praxis bewähren wird.

Für Schaltzüge und Bremsleitung ist eine Verlegung im Rahmen vorgesehen. Das ist sehr praktisch und bei Carbonrahmen auch oft üblich (wahrscheinlich, damit man weniger Ösen am Rahmen anbringen muss). Es sind Liner (Zugkabel) verlegt, was die Montage vereinfachen sollte. Bei der Montage hat sich gezeigt, dass die Innenverlegung nicht sauber gelöst ist. Die Liner waren teilweise falsch verlegt, was jedoch nicht das große Problem war.
Viel nerviger war es, dass der Rahmen an der Innenseite viele Ecken und scharfe Kanten hat, was die Verlegung der Leitungen unglaublich erschwert. Es gibt keine saubere Führung durch den Rahmen hindurch. Den hinteren Schaltzug habe ich nur mit viel Mühe durch den Rahmen bugsieren können. Die Öffnungen in den verschraubten Ösen waren außerdem zu klein, sodass ich sie erst aufbohren musste. Am Ende hat es geklappt, aber ich habe heute schon einen Horror davor, wenn ich die Leitung irgendwann einmal austauschen muss. Da ich mit nur einem Kettenblatt fahren werde, blieb mir das Verlegen des vorderen Schaltzuges erspart.
Die Verlegung der Bremsleitung im Rahmen hat überhaupt nicht funktioniert. Es war schlicht unmöglich, die Leitung durch die Kettenstrebe zu schieben, weder mit Zugdraht noch ohne. Deshalb musste die Bremsleitung außen verlegt werden. Glücklicherweise sind dafür Ösen am Rahmen angebracht.

Der Rahmen hat außerdem ein Alu-Gewinde für BSA-Innenlager. Das war mir wichtig, da ich kein Freund von Pressfit-Lagern bin. Wenn es den perfekten Rahmen nur mit Pressfit (z.B. BB92) gegeben hätte, würde ich ihn aber trotzdem nehmen.

Die Rahmengeometrie ist ausgeglichen bis progressiv. Ich habe den größten Rahmen bestellt, der eine Rahmenhöhe von 48,5 cm hat. Bei meiner Körpergröße ist das notwendig. Eine Sattelstütze mit Offset und ein nicht zu kurzer Vorbau werden jedoch notwendig sein, damit ich eine gute Sitzposition habe.

Die Mängel bei der Innenverlegung der Leitungen sind zwar ärgerlich, aber bei einem Preis von 280 EUR darf man auch keine Wunder erwarten und ich kann mit dem Kompromiss leben. Wenn sich der Rahmen ansonsten in der Praxis bewährt, war es ein sehr guter Kauf! Eine klare Empfehlung für diesen Rahmenhersteller würde ich aufgrund der kleineren Mängel dennoch nicht aussprechen.

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2 Antworten

  1. blackCoffee sagt:

    Interessant solche Erfahrungen aus erster Hand zu kriegen…
    Ich habe bisher unterschiedliche Erfahrungen bei Bestellungen von der genannten Plattform gemacht. Nichtsdestotrotz, bei sogenannten „Premium Anbietern“ ärgere ich mich umso mehr, wenn die vollmundigen Marketingversprechen im Gewährleistungsfall nicht mehr ins Erinnerungsvermögen zurückfinden…;-)
    Weiterhin viel Erfolg mit dem Selbstaufbau!

  2. Alexander sagt:

    Hallo.
    Ich freue mich auf weitere Berichte, denn ich überlege auch schon länger mir einen dieser Rahmen zu kaufen.

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