Fahrradkleidung: Discounter- oder Markenware?

Wer viel Fahrrad fährt (und dabei ist es eigentlich egal, ob im Stadtverkehr oder über die Alpen), kennt das Dilemma: Man legt Wert auf Wetterfestigkeit, da man oft Regen, Wind und Kälte ausgesetzt ist. Die Verarbeitung muss gut sein, weil die Sachen beim Radeln lange Zeit stark beansprucht werden und speziell beim Mountainbiken durchaus mit Gestrüpp und Fels in Kontakt kommt oder man sich auch mal lang macht. Die Kleidung soll außerdem den zwangsläufig entstehenden Schweiß nach Außen transportieren, damit man nicht nach 10 Minuten in seiner eigenen Suppe schwimmt. Und natürlich muss der Preis möglichst niedrig sein, da man als Ganzjahresradler und Alpencrosser doch einiges an Ausrüstung braucht, die ein ziemliches Loch in die Geldbörse fressen kann.

Die Kernfrage ist: Wie kann ich gute Qualität finden, ohne dafür extreme Beträge hinblättern zu müssen? Denn gute Bikesachen sind oftmals sehr teuer. Und je mehr Fahrradfahren zum Tremdsport wird, desto höher werden die Preise.

Ich will hier meine Erfahrung der letzten zehn Jahre schildern. Vielleicht ist das für den einen oder anderen Fahrradfahrer eine Entscheidungshilfe. Ich werde dabei auch verschiedene Marken erwähnen, ohne aber Werbung für diese Marken zu machen oder generell eine Marke ins schlechte Licht zu rücken. Es gibt immer auch Gegenbeispiele. Es handelt sich hierbei lediglich um meine private Meinung.

Man kann prinzipiell unterscheiden zwischen Billigware (Produkte von Discountern oder Billigherstellern wie Aldi, Lidl, Tchibo, Decathlon, u.v.m.), mittpreisiger Markenware (z.B. Vaude, Adidas, Puma) und dem Hochpreissegment (z.B. Gore Bike Wear). Die Preisunterschiede zwischen diesen Segmenten sind teilweise extrem. Warum sollte man also nicht einfach zum günstigsten Produkt greifen? Folgende Qualitätsmerkmale sind wichtig:

  • Die Qualität der verwendeten Materialien. Billige Reiß- und Klettverschlüsse gehen schnell kaputt. Besonders die Funktionalität von Windstopper- und Regenbekleidung hängt von der Qualität der verwendeten Stoffe und Membranen ab. Die Robustheit des Obermaterials spielt auch oft eine große Rolle.
  • Die Verarbeitung. Wie wurden die Stoffe zusammengenäht, wie dauerhaft sind die Nähte? Manchmal hat minderwertige Kleidung einen schlechten Schnitt und sitzt nicht gut. Manche Kleidungsstücke verlieren mit dem Waschen an Form oder Farbe.
  • Die bei der Herstellung verwendeten Chemikalien. Besonders Funktionskleidung wird oft unter Verwendung giftiger Chemikalien (Formaldehyd, Nonylphenole) produziert. Man merkt das direkt am Chemiegestank, wenn man einen Artikel auspackt. Je nachdem, wo und unter welchen Bedingungen produziert wird, werden Chemieabfälle gerne mal im nächsten Fluss oder irgendwo in der Natur verklappt. Aber auch im Hochpreissegment werden häufig polyfluorierte Chemikalien bei der Imprägnierung eingesetzt, um die Kleidung wasserabweisend zu machen.
  • Der Service. Viele namhaften Marken (z.B. Gore) bieten einen relativ guten Service. D.h. man kann Produkte, die Mängel aufweisen, auch noch nach Ablauf der Gewährleistung und ohne Kaufnachweis umtauschen. Bei Discounterkleidung kann man das selbstverständlich vergessen.

Ich werde anhand einiger Beispiele erläutern, wo sich meiner Meinung nach das Sparen lohnt und wo eher nicht.

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Radshorts

Radshorts zählen für mich zu den Kleidungsstücken, die am meisten dem Verschleiß ausgesetzt sind. Die Gore Bike Wear Power Trail Shorts (100 EUR) gehört zu meinen Lieblingshosen. Sie sieht nicht nur stylish aus, sondern ist leicht, äußerst bequem und schnell trocknend. Die ideale Alpencross-Hose. Sie hat Reißverschlusstaschen und eine gute herausnehmbare gepolsterte Innenhose. Eine weitere Shorts, die ich für Tagestouren oder zum Downhillbiken gerne anziehe, ist die Endura Humvee Shorts (60 EUR). Sie glänz durch eine besonders robuste Verarbeitung, hat viele Reißverschlusstaschen und eine sehr gute einknöpfbare Innenhose. Dafür ist sie etwas schwerer als die Hose von Gore. Das Negativbeispiel war eine Radhose von Lidl (20 EUR), die sowohl von Qualität als auch Schnitt unmöglich war. Schlecht verarbeitete Nähte, unmögliches Aussehen, kein weiterer Kommentar.

Lange Allwetterhose

Kommen wir zur langen Softshell-Allwetterhose (Windstopper) mit abnehmbaren Beinen. Den Beginn macht eine Hose von Gore Bike Wear (130 EUR). Sie war mit Abstand die teuerste. Dafür bin ich mit ihr auch nach 4 Jahren immer noch hochzufrieden. Die Materialien sind erstklassig, Reiß- und Klettverschlüsse einwandfrei. Das wichtigste: Die verarbeitete Membran transportiert den Schweiß zuverlässig nach Außen, sodass man auch bei Anstrengung kaum darunter schwitzt. Eine vom Schnitt her identische Hose von Dynamics (50 EUR) (ein Nachbau?) ist leider nur äußerlich vergleichbar. Minderwertige Reißverschlüsse, Klettverschlüsse die nach ein paar Einsätzen nicht mehr richtig halten, eine Membran die mich bereits nach 5 Minuten im eigenen Saft garen lässt. Den Schluss bildet eine Softshellhose von Lidl (30 EUR), die in jeder Hinsicht so unterirdisch war, dass ich sie nur einmal getragen habe.

Langarm-Shirt

Auch bei Langarm-Shirts gibt es große Unterschiede. Ich besitze hier verschiedene. Eines meiner Lieblingsshirts ist ein 5 Jahre altes von Tchibo (25 EUR), das leider seitdem nie mehr verkauft wurde. Stattdessen habe ich bei Tchibo nur noch Shirts gesehen, die nicht einmal das wenige Geld Wert waren. Genauso gerne trage ich ein Adidas-Laufshirt (30 EUR), das sehr bequem ist und für ein angenehmes Klima am Oberkörper sorgt. Ein Langarm-Shirt von Decathlon (25 EUR) ist dagegen eine Katastrophe, darin schwitze ich bereits wenn ich es nur anziehe. Den Abschluss in jeder Hinsicht bildet ein Shirt von Aldi (20 EUR), das ähnliche Eigenschaften wie das Decathlon-Shirt besitzt und sich außerdem irgendwie kratzig auf der nackten Haut anfühlt.

Regenjacke

Regenjacken – ein besonders schwieriges Thema. Eine gute und günstige Regenjacke zu finden ist fast unmöglich. Eine Gore-Jacke (>200 EUR) gehört meiner Meinung nach zu den Spitzenreitern. Gore ist meiner Meinung nach die beste Wahl bei robuster, wasserdichter, atmungsaktiver Oberbekleidung. Dafür muss man aber auch tief in die Tasche greifen. Eine fast genauso gute Qualität liefert meine Jacke von Vaude (80 EUR). Leicht, zuverlässiger Regenschutz und eine hochwertige Membran, die das Schwitzen fast ebenso gut verhindert, wie die Gore Jacke. Aber eben nur fast. In meinen Augen hat sie das optimale Preisleistungsverhältnis. Meine 6 Jahre alte Gonso-Regenjacke (60 EUR) war mir immer ein zuverlässiger Begleiter. Sie ist zwar etwas schwerer, hat aber ein robustes Obermaterial. Die Regenfestigkeit ist in Ordnung, aber nach einer halben Stunde Regen weichen die Ärmel etwas durch. Da sie langsam in die Jahre kam, hatte ich sie durch eine neue Gonso-Regenjacke ähnlicher Preisklasse ersetzt. Die ist jedoch schon nach ein paar Regentropfen durchgeweicht und war völlig unbrauchbar. Von meinem Test einer Tchibo-Jacke (50 EUR) will ich gar nicht reden, da kann man sich gleich eine Gummijacke überziehen.

Fazit

Meiner Meinung nach kann man allgemeingültig sagen: Sobald ein gewisses Preisniveau unterschritten ist, kann man unmöglich noch brauchbare Qualität und guten Service liefern. Es wird an Material, Verarbeitungsqualität, Rücknahmebedingungen und bestimmt auch an umweltverträglicher Produktion gespart. Radbekleidung kaufe ich deshalb grundsätzlich nicht mehr bei Discountern oder Billiganbietern, weil man sich darüber nur ärgert und noch einmal kaufen muss. Bei einigen Anbietern wie Tchibo und Gonso habe ich den Eindruck, dass die Qualität vor einigen Jahren sehr nachgelassen hat.

Genauso wenig ist es immer nötig, zu den superteueren Edelmarken wie Gore und Co. zu greifen. Die Artikel sind hier zwar meistens erstklassig, aber teilweise so teuer, dass man sich die Anschaffung gut überlegen muss. Es gibt jedoch Fälle (z.B. die lange Softshellhose), wo ich einfach kein Produkt finden konnte, das qualitätsmäßig annähernd an Gore herankommt. Genauso sind die Bike-Shorts von Fox und O’Neal zwar teuer, aber einfach klasse.

Das mittelpreisige Segment liefert teilweise erstaunlich gute Qualität. Man muss jedoch etwas vergleichen. Einige Hersteller (besonders Vaude) haben mich immer wieder mit Funktionskleidung überrascht, die bezahlbar aber dennoch hochwertig ist. Wie z.B. bei Regenhosen. Hier lohnt es sich, mehrere verschiedene Hersteller in Augeschein zu nehmen.

Überraschend finde ich, dass besonders bei Bike-Shirts (langarm und kurzarm) spezielle Radbekleidung mindestens 30% teuerer ist, als technisch vergleichbare Laufbekleidung. Hier spielt es keine Rolle, ob man ein Rad- oder Lauf- oder Fußball-Shirt trägt. Ich bevorzuge inzwischen Lauf- bzw. Sportshirts von Herstellern wie Adidas und Puma, deren Qualität mich überzeugen und die viel günstiger sind, als entsprechende Fahrradshirts. Besonders im Schlussverkauf kann man hier gute Artikel ergattern.

Ebenfalls eine gute Idee ist es, wenn man etwas vorausschauend kauft und somit von günstigen Saisonrestbeständen profitieren kann. Dadurch sind Einsparungen von 30% oder mehr drin (nur Gore-Sachen bekommt man nur selten nennenswert reduziert). Die beste Saison für den Kauf solcher Artikel ist der Herbst.

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3 Antworten

  1. Quasi Nitro sagt:

    Ein schöner Vergleich. Nach meinen Erfahrungen in den letzten zwanzig Jahren auf dem Bike, gehe ich weitestgehend konform mit deinen Erfahrungen. Wobei in den Neunzigern die Discounter den Markt für Sportartikel noch nicht für sich entdeckt hatten. Gut so, denn so mußte (konnte?) man nur Produkte von den bekannten Herstellern kaufen und bekam meistens die Qualität zu den oft stolzen Preisen dazu. Warum sollen Lebensmittel-Discounter Bekleidung verkaufen? Höchst mögliche Gewinnmaximierung?!

    Eine Unsitte, welche leider flächendeckend unter der eignen Vorgabe best mögliche Qualität zum Dumpingpreis dem Kunden vorgaukelt, zwischen Gurken und Tomaten noch schnell die Sportklamotten für den nächsten Aktivurlaub mitnehmen zu können. Für den Gelegenheitsradler ohne Vergleichswerte mag das Konzept der Billiganbieter – worauf diese wohl auch zielen – funktionieren. Ich bin leider auch schon ein paar mal auf den Ramsch reingefallen und habe es jedes mal, aus den von dir schon genannten Gründen, bereut. Daher kaufe ich beim Discounter nur noch Lebensmittel und unterstütze das Verramschen dieser minderwertigen Produkte keinesfalls mehr!

    Wenn ich rückblickend betrachte, wie lange meine (Marken) Klamotten damals und im Vergleich zu heute noch gehalten haben, dann sind die heutigen Markenprodukte exorbitant teuer, aber (für mich) oft alternativlos, besonders diese im oberen Preissegment, wie Gore.

    DENN: Und dabei hast du leider die Paßform vergessen. Meist sind die Schnitte von Hersteller zu Hersteller sehr unterschiedlich, aber meist sportiv für schlanke Menschen ausgelegt. Schmale und (für mich) zu lange Schnitte, enger Schulterbereich usw.. Somit bin ich am Ende und schon seit ca. 15Jahren, bei der Bike -sowie Laufbekleidung, immer wieder bei Gore gelandet. Der “Comfort Fit” paßt mir perfekt. leider hat die Qualität auch bei Gore, gerade in den letzten Jahren, stark nachgelassen und eine Hose ist auch schon mal nach einer Saison durch. Somit kaufe ich auch nicht mehr einfach das Folgemodell, zumal jahrelang bewährte (und haltbare) Modelle auch einfach mal auslaufen und an sich alternativlos bleiben… die Klamottenbaustelle wird wohl nie fertig ;- )

    Danke für’s Erfahrungen teilen!

    • Gletschersau sagt:

      Stimmt, bei Passform und Schnitt kann es auch Unterschiede geben. Ich habe eine Durchschnittsfigur und normalerweise keine Probleme. Wobei ich bei mancher Discounterware auch schon katastrophale Schnitte erleben durfte. Wie z.B. Lidl-Radhosen, die aussehen als hätte man eine Windel an…

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