Der Gletschersau-Winter – Eine Trainingsanalyse

Zigtausende hochmotivierte Alpencrosser stellen sich jedes Jahr die gleiche Frage: Wie bereite ich mich am besten auf diese mehrtätige selbstauferlegte Höllentortur durch die höchsten Gebirge Mitteleuropas vor? Antworten darauf gibt es so viele, wie vor Erschöpfung zusammengebrochene Mountainbiker im Straßengraben.

So richtig fit war ich eigentlich immer nur direkt nach der vorhergehenden Transalp gewesen. Nach sieben Tagen Quälerei und zwei entspannten Tagen am Lago kommt man endlich nach Hause. Freunde, Verwandte, Bekannte – ihnen allen fällt sofort die Metamorphose auf, die ich durchlaufen habe. Aus dem blassen Freizeitradler, aus dessen trüben Blick aufgrund eines wieder einmal versemmelten Trainingsplans der nagende Selbstzweifel spricht, ist ein selbstbewusster, drahtig-muskulöser, durchtrainierter, braun gebrannter Extremsportler geworden.

Dieses erstrebenswerte körperliche Niveau muss diesmal unbedingt über den harten Winter in die nächste Bikesaison gerettet werden. Das heißt: Im Herbst und Winter mindestens zweimal pro Woche joggen. Zusätzlich im Herbst noch einige Biketouren einlegen. Krafttraining, Stretching, gesunde Ernährung. Das volle Programm. Im Frühjahr dann mit alpinen Biketouren den Wandel zum Superathleten abrunden.

Vorher jedoch lockt die Grillsaison mit sonnigem Wetter und feierwütigen Freunden, bevor sich der kalte regnerische Herbst heranpirscht. Man muss es ja nicht gleich übertreiben mit der gesunden Ernährung, oder? Die saftigen Steaks und das viele Bier hat man sich schließlich hart erkämpft und redlich verdient. Es ist auch klar, dass ich in diesem Zustand wenig Lust zum Joggen verspüre, und vom Radfahren habe ich ja sowieso erst einmal genug.

Der Herbst naht. Die sechswöchige Trainingspause ist auch schnell wieder eingeholt, wenn ich nach der vorangegangenen Regenerationszeit nun frisch gestärkt loslege. Um Verletzungen vorzubeugen beschließe ich, zunächst nur einmal pro Woche zu joggen, und das in gemäßigtem Tempo. Es ist auch absolut verständlich, dass der kalte und regnerische November nicht gerade motivierend wirkt und der Sport im Freien eher zur Ausnahme als zur Regel wird. Im Dezember kommen Schnee und Dauerregen und meistens auch eine Erkältung hinzu, die einen bis kurz vor Weihnachten flachlegt.

Die Weihnachtstage werden traditionell mit Essen, Trinken und Faulenzen verbracht. Zur Abrundung folgt eine Silvesterfeier, bei der man es noch mal richtig krachen lässt und die guten Vorsätze für das neue Jahr definiert, während man die fürs alte Jahr über Bord wirft. Im Januar geht’s richtig los mit dem Sport! Würde es auch, wenn nicht der meterhohe Schnee und die -15 °C Einspruch erhoben hätten. Das Risiko einer Lungenentzündung erscheint mir selbstverständlich zu hoch, also bleibe ich erst einmal zuhause und arbeite an meiner Transalp-Route. In der Zwischenzeit habe ich Gelegenheit zu überlegen, ob ich noch Chancen sehe, die Extrakilos, die sich über meinem wohldefinierten Sixpack verteilt haben, ohne chirurgische Unterstützung wieder loszuwerden. Da war doch was… Ach ja, die gesunde Ernährung!

Als im März das Wetter wieder einigermaßen erträglich wird, starte ich voller Motivation und Elan in die neue Saison. Nach dem dritten Lauf sorgt eine Muskelzerrung vier Wochen lang dafür, dass ich nicht übermütig werde und zu früh mit dem Training beginne. Schon langsam wird mir klar, dass ich wieder einmal von Null anfangen muss und noch ganze drei Monate Zeit habe, meine Fitness auf Alpencross-Niveau zu prügeln.

Im Mai, Juni und Juli wird dann gejoggt bis Rotz und Speichel fliegen, es wird gebiket bis die Gelenke krachen und die Muskeln wimmern, und gegessen wird nur noch Obst, Gemüse und Müsli. Ich habe es längst aufgegeben, diverse Sportlerforen zu lesen, in welchen Marathonläufer, Triathleten und Extrembiker ihre Trainingserfolge analysieren. In dieser Zeit scheint das Internet voll von Profisportlern mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung zu sein, die sich mit ihrem Fachwissen über ihre Laufkilometer, Radmarathon-Erfolge, und die neuesten Nahrungsergänzungsmittel gegenseitig übertreffen. Die ihr Ego aufpolieren, während sie meines in den Staub treten. Ich bin schon froh, wenn ich 30 Minuten lang ohne Knie- und Kreuzschmerzen laufen kann und nach einer Tages-Biketour weniger als eine Woche Regenerationszeit brauche.

Während ich eine Woche vor dem Beginn der Transalp völlig erschöpft das Training abschließe, verwandeln sich die Selbstzweifel dann langsam in Gleichgültigkeit. Irgendwie hatte ich die letzte Transalp schließlich auch geschafft. Wieder werde ich mangelhaft vorbereitet starten. Wieder werde ich auf stundenlangen Anstiegen leiden, fluchen und mich fragen, weshalb ich mir das jedes Jahr antue. Doch mein Wille wird siegen, er wird die körperlichen Defizite überflügeln und mich auf abgelegenen Extremrouten glücklich bis zum Gardasee bringen. Hoffentlich.

Die Qualen, die dann hinter mir liegen werden, werden das Genusserlebnis potenzieren. Und das Gefühl, es dank der mentalen Stärke trotzdem geschafft zu haben, wird wieder einmal mit nichts zu vergleichen sein. Bis zum nächsten Jahr.

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1 Antwort

  1. Caro sagt:

    Hahaha – sehr amüsant und treffend beschrieben. So geht es bei mir jedes Jahr, wenn nach der Sommersaison Pläne für’s nächste Jahr geschmiedet werden…im Frühjahr wird dann gelitten, aber irgendwie geht’s dann doch wieder. Klasse Seite übrigens!

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