Umbau des Enduro-Bikes auf eine 1×11 Schaltung

Nach 4 Jahren mit einer 2×9 Schaltung waren wieder einmal Wartungsarbeiten am Antrieb meines Lapierre Enduro-Bikes notwendig. Das Zesty 514 (Modell 2010), das ursprünglich mit einer 3×9-Schaltung ausgestattet war, ist in die Jahre gekommen und hatte schon diverse Upgrades erhalten (neue Bremsen und Federgabel, 2-fach-Antrieb mit Kettenführung, Stahlfederdämpfer). Es stellte sich also die Frage, was nun zu tun sei.

Die meisten Mountainbiker entscheiden sich bei einem älteren Bike oft für eine Neuanschaffung mit moderner Ausstattung. Dafür müsste man (wenn man günstig wegkommt) mit einer Ausgabe von etwa 3000 Euro rechnen. Ich mag dieses Bike aber sehr und habe es genau auf meine Bedürfnisse hin konfiguriert. Außerdem ist der Rahmen äußerst hochwertig und seine Geometrie ist immer noch modern und ideal für meine Einsatzzwecke geeignet. Durch die Upgrades der Federelemente hat das Bike außerdem eine ganz neue Qualität bekommen. Deshalb habe ich mich nicht für eine Neuanschaffung, sondern für eine Aufrüstung entschieden. Über die Umbauaktion gibt es ein YouTube-Video, dass ich hier verlinkt habe.

Die Schaltung ist mittlerweile ziemlich betagt. Der vordere Schaltzug müsste erneuert werden. Das Schaltwerk ist nicht gedämpft, die Kette schwingt und klappert bei ruppigen Abfahrten also ziemlich. Die Kettenführung erfüllt ihren Zweck, allerdings erzeugt die Umlenkrolle ein deutliches Fahrgeräusch. Aufgrund der guten Erfahrungen mit meinem neuen Downhillbike, das ich mit einer 1×11-Schaltung ausgerüstet hatte, wollte ich einen solchen Umbau nun auch bei meinem Enduro-Bike durchführen.

Die Vorteile einer 1×11-Schaltung:

  • Man spart sich Gewicht, da ein Schaltgriff, der Umwerfer, 2 bis 3 Kettenblätter und ein Schaltzug wegfallen.
  • Die Schaltung ist weniger Wartungsintensiv.
  • Die Technik am Bike vereinfacht sich, was wiederrum die Fehleranfälligkeit reduziert.
  • Weniger Gerümpel am Cockpit, Rahmen und Antrieb – ein „aufgeräumteres“ Bike.
  • Einfachere Handhabung, da nur noch ein Schaltgriff.
  • Außerdem ist keine Kettenführung mehr nötig, da durch das gedämpfte Schaltwerk die Kette weniger schwingt und zusätzlich das Narrow-Wide-Kettenblatt das Herunterfallen der Kette verhindert. Das Schaltwerk bereitet dem Geklapper der Kette ebenfalls ein Ende.

Doch es gibt wie immer auch einen Nachteil, der nicht unerwähnt bleiben darf:

  • Weniger breites Gangspektrum, es fehlen 1 bis 3 Gänge im Vergleich zu einer 2-fach-Schaltung (z.B. 2×9 oder 2×10).

Um diesen Nachteil zu verdeutlichen, hier zum Vergleich die Übersetzungstabelle von 2×9 (vorher) und 1×11 (nachher). Fairerweise muss man anmerken, dass heute 2×9-Schaltungen nicht mehr verbaut werden, eher 2×10 oder 2×11. Dennoch taugt der Vergleich für mich, da die 2×9-Schaltung sowohl im kleinen, als auch im großen Gangbereich alle Übersetzungen bot, die ich gebraucht hatte.

Man kann erkennen, dass bei der gewählten Kombination aus dem 30Z Kettenblatt und der 11-42 Kassette im oberen Bereich etwa eineinhalb Gänge fehlen und im unteren Bereich ein halber Gang. Den Verlust bei den großen Gängen kann ich verschmerzen, da ich nur sehr selten bergab bei hohem Tempo das Bedürfnis habe, zu beschleunigen. Der halbe Gang bei den Berggängen spielt keine spürbare Rolle. Durch die Auswahl des passenden Kettenblattes hat man die Möglichkeit, das Gangspektrum nach oben oder unten zu verschieben, je nach Anwendungszweck.

Durch die Verwendung einer 11-46 Zahnkranzkassette könnte man das Spektrum noch um einen Gang strecken, jedoch geht das minimal zulasten der Schaltperformance (da das Schaltwerk eine noch größere Spanne abdecken muss). Ich habe mich deshalb für die 11-42 Kassette entschieden und ein 30er Kettenblatt verwendet, um vor allem die Berggänge zu haben, die ich brauche.

Für mich ist dies eine sehr gute Lösung. Doch nicht jeder Mountainbiker wird mit einer 1×11-Schaltung zufrieden sein. Wenn man z.B. MTB-Rennen fährt würde man die fehlenden Gänge jedenfalls vermissen. Denn hier will man auch bergab beschleunigen können. Für solche Zwecke würde ich eine 2×10- oder 2×11-Schaltung empfehlen.

Ich habe mich für die Shimano XT M8000 Gruppe entschieden. Diese kostet (inkl. Schaltgriff, Schaltzug, Kurbel, Narrow-Wide-Kettenblatt, Kette, Zahnkranzkassette und gedämpften Schaltwerk) 350 Euro. Shimano nennt die Narrow-Wide-Technik, bei der die Zähne abwechselnd schmal und breit sind und dadurch die Kette sicherer auf dem Kettenblatt sitzt, „Dynamic Chain Engagement“. Neu ist auch die Kurbel, die nun einen 96 mm Lochkreis hat (anstatt der bisher üblichen 104 mm). Dadurch kann auch ein Kettenblatt mit nur 30 Zähnen problemlos an die Kurbel geschraubt werden.
Man könnte auch die kostengünstigere SLX M7000 Gruppe einbauen (230 Euro). Der Unterschied ist vernachlässigbar, mit der Ausnahme, dass die Gruppe knapp 10g schwerer ist. Nur beim Schaltgriff gibt es nennenswerte Abweichungen, denn im Gegensatz zu XT hat der SLX-Schaltgriff (SL-7000) kein Multi-Release (d.h. er kann nicht zwei Gänge auf einmal runterschalten), er kann maximal 3 statt 4 Gänge auf einmal hochschalten und ist geringfügig anders geformt.

Neuerdings gibt es übrigens auch Schaltungen mit 12-fach-Kassetten. Ich habe aber gehört, dass diese spürbar weniger knackig und scharf schalten, weil man hier technisch und mechanisch an Grenzen stößt. Man muss abwarten, wie sich diese Schaltung in der Praxis bewährt und ob sie weiter verbessert werden kann.

Der Umbau verlief problemlos. Nach der Demontage habe ich auch gleich noch das Pressfit-Innenlager ausgetauscht, da dies aufgrund des vielen Regens über die Jahre ziemlich hinüber war. Leider hat sich auch hier wieder mal gezeigt, dass der Händler, von dem das Bike usprünglich stammte, beim Aufbau nicht sauber gearbeitet hat. Die Lagerschalen waren nämlich nicht eingefettet und deshalb musste beim Ausschlagen des Lagers ziemlich viel Gewalt angewendet werden. Das Einpressen des neuen Lagers ging dafür umso einfacher. Das Original-Werkzeug von Shimano war dabei eine große Hilfe. Das kostet zwar 30 Euro, aber immer noch besser als einen Händler für die Montage zu bezahlen und zu riskieren, dass wieder gepfuscht wird.

Lange Zeit war ich der Überzeugung, dass es sich lohnt, einen Profi ans Bike zu lassen wenn man sich selbst nicht hundertprozentig auskennt. Ich muss leider sagen, dass ich bisher erschreckend viel Pfusch durch „professionelle“ Fahrradmechaniker erlebt habe, der sich erst nach ein bis zwei Jahren am Bike auswirkt. Das hat mich letztendlich dazu getrieben, ein paar Euro für Spezialwerkzeug auszugeben, zu lernen wie es geht und alles selbst zu machen. Fahrradbasteleien sind kein Hexenwerk und selbst wenn man mal Fehler macht und etwas Lehrgeld bezahlt, ist es immer noch besser, noch viel mehr Geld einem Mechaniker zu geben und mit der Unsicherheit zu leben, dass irgendetwas lange vor Ablauf der Lebenszeit kaputt geht weil der Schrauber unqualifiziert oder unkonzentriert war.

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11 Antworten

  1. Jens sagt:

    Hi Andy,
    wenn der Kommentar hier nicht hingehört; ich glaube, Du musst ihn ja sowieso erst freigeben, dann entschuldige ihn bitte: Ich finde das total super, dass Du das alles selber kannst und machst und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Du mit Deinem letzten Absatz nicht so ganz unrecht hast. Ich selbst bin handwerklich leider absolut unbegabt und möchte Dich fragen, welche Hilfe hast Du in Anspruch genommen bzw. wie hast Du angefangen? Hast Du bspw. Literaturvorschläge oder hast Du Dir Videos angeschaut? Das würde mich mal interessieren. Danke und Grüße.

    • Gletschersau sagt:

      Hallo Jens, ich habe es mir über die Jahre selbst beigebracht. Man findet eigentlich zu jedem Thema eine Anleitung im Internet oder auf YouTube. Mein Video soll zeigen, dass so ein Umbau gar nicht so schwierig ist. Man braucht jedoch das richtige Werkzeug, das man sich einmal zulegen muss.
      (P.S.: Die Kommentare müssen von mir freigegeben werden, um Spam zu verhindern.)

      • Jens sagt:

        Vielen Dank für Deine Rückmeldung. Bzgl. dem Freigeben: Richtig so.
        Das war auch nur so gemeint, dass Du meinen Beitrag einfach hättest löschen können, wenn Du gemeint hättest, er gehört da nicht hin. Danke und mach weiter so…

  2. Martin sagt:

    Hey Andi, witzig, ich hab den Umbau genau andersrum gemacht, von einfach auf zweifach (wobei ich hinten die 11er Kassette gelassen habe, die stört mich nicht). Mit 1 x 11 hatte ich definitiv nicht die nötige Bandbreite für ein Allround-Bike. Entweder man schiebt bergauf schon viel früher als sonst, oder man kann auf der Geraden oder bei leichtem Gefälle nur ein lächerliches Tempo erreichen. Oder von beidem ein bisschen. Wenn man am Ende des Tages zügig heim möchte, ist das nervig (denk mal an unsere Tour 2016 http://www.gletschersau.de/2016-03-21_risssattel_schnee/ – da haben wir am Walchensee entlang gut ins Pedal gedrückt, um die Tour endlich zu beenden). Bin gespannt, wie’s dir gehen wird. Vielleicht landest du ja irgendwann beim Singlespeeder 🙂 der is dann nochmal wartungsärmer.
    Viele Grüße
    Martin

    • Gletschersau sagt:

      Hi Martin, es wäre interessant zu wissen, was für eine Kassette du hinten verbaut hast. Inzwischen gibt es Kassetten mit 11-46 Zähnen. Da kann ich mir kaum vorstellen, dass auf der Geraden ein Gang fehlen würde. Man sieht in diversen Diskussionen zu dem Thema, wie auch hier in den Kommentaren, dass die Meinungen stark auseinandergehen. Ich bin schon gespannt auf die erste große Tour, die ich mit dem Bike machen werde! Ich werde jedenfalls hier genau erläutern, ob meine Erwartungen erfüllt werden, oder ob sich 1×11 bei einem Touren-MTB doch nicht bewährt.

    • Ralph sagt:

      Hi Martin,

      vielleicht wäre für dich die Bandbreite der SRAM-Schaltungen ideal. Da gibt es sowohl 1×11 als auch 1×12 (Eagle) mit 10er Ritzel, so dass einem gegenüber 2 x 10 eigentlich kein Gang mehr fehlt. Der Umbau ist zwar noch einen Schritt komplizierter, da man einen passenden Freilauf benötigt, das Ergebnis ist es aber mehr als wert.
      Ich persönlich verzichte im Zweifel gerne auf den größten Gang, weil ich keinen Sinn darin sehe Asphaltstraßen oder Forstwege mit Höchstgeschwindigkeit runter zu heizen und dabei noch pedalieren zu müssen.
      An meinen Bikes wird es jedenfalls nie wieder einen Umwerfer geben, egal ob am Stadtrad, am Tourenradl oder am Downhiller. Alleine die Nutzung der genialen Narrow-Wide-Kettenblätter und einer vernünftigen Kettenführung mit Röllchen verbieten bei mir schon den Rückbau.

      Viele Grüße,
      Ralph

  3. Alex sagt:

    Hi Andy,
    bin absolut fasziniert von deiner Seite und freue mich das es so Leute gibt wie dich, die gerne ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen teilen, vielen Dank dafür.
    Aber nun zum Umbau aus 1x11fach….du wirst es lieben.
    Ich habe mir auch dieses Jahr ein neues Fully genau auch mit dieser Schaltung erworben und kann dir sagen, das mir nichts fehlt. DIe von dir angesprochenen 1-3 Gänge wirst du nicht mehr wahrnehmen, denn der Komfort der Schaltung überwiegt.
    Ich hatte erst 30 und 11-46 montiert aber das war recht dünn und habe jetzt 32 und 11-42 montiert das ist einfach perfekt für hier in unseren Saarländischen Auf und Ab gefilden. Für die Transalp im nächsten Jahr weiss ich noch nicht genau was ich machen werde aber da denke ich werde ich lieber nen bissel dünner fahren denn runter geht es ja von alleine……also nochmal Vielen Dank…mach weiter so, LG Alex

    • Gletschersau sagt:

      Hallo Alex, ich kenne die 1×11-Schaltung schon von meinem Downhill-Bike. Wie zuverlässig und einfach die Schaltung dort funktioniert, hatte mich überzeugt. Bin schon sehr gespannt, wie ich mit der Übersetzung beim Tourenbike zurechtkommen werde…

  4. Tobi sagt:

    Nagut, selbst wenn man die zwei großen Gänge nicht braucht – was ich bezweifle – hast du mit 11 Gängen einen recht großen Gangabstand, ergonomisches Fahren kannste damit vergessen. In meinen Augen ist 1 x 11 eine typische sinnlose Entwicklung mit der die Bike Industrie wieder einen künstlichen Hype erzeugt und Kunden an der Nase rumführt

  5. David sagt:

    Hallo Andy,
    mir sind 2 Dinge beim Umbau aufgefallen:
    1. benutzt Du keinen Drehmomentschlüssel? Kann ich nur empfehlen! Z.B. die Kassette muss schon ordentlich zugeknallt werden (40Nm), aber wenn nicht, kann sie sich auf dem schönsten Alpencross lockern – gleiches gilt für Kurbelschrauben (blöd, wenn sich wie beim Kumpel auf dem Sponsre Joch die Kurbel löst und festfrisst… Sind >2500 hm bergab
    2. Ich glaube, Du hast die Kette Falschrum drauf. Die Beschriftung muss nach außen zeigen – Kette ist laufrichtungsgebunden.
    Gruß, David

    • Gletschersau sagt:

      Ich habe einen Drehmomentschlüssel, benutze ihn aber selten. Bin mit Handgefühl immer recht gut gefahren. 🙂
      Gut beobachtet! Die Kette war tatsächlich falsch herum drauf. Ist mir einen Tag später auch aufgefallen und ich musste sie neu nieten.

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